Die erste Retrospektive

Retrospektiven sind Momente des Rückblicks, aber auch des Ausblicks. „by the book“ hat eine Retrospektive folgende Phasen:

  1. Den Boden bereiten
  2. Hypothesen überprüfen*
  3. Daten sammeln
  4. Einsichten gewinnen
  5. Neue Experimente und Hypothesen definieren*
  6. Abschluss

*Diese Phasen wurden von Marc Löffler in seinem Buch Retrospektiven in der Praxis begründet hinzugefügt. Das Buch ist so empfehlenswert, dass ich ihm auch noch einen eigenen Blog-Beitrag widmen werden. Nun aber zur Umsetzung in der Praxis…

Ab in die Aula

Da die Verhältnisse im Klassenraum beengt sind und eine neue Umgebung auch hilfreich für neue Gedanken ist, habe ich mich entschlossen, die Retrospektive in unserer Aula durchzuführen. Für jedes Team habe ich einen Tisch und Stühle vorbereitet, jedes Team brachte sein Teamboard mit und wir haben sie noch einmal an die Wände gehängt. Nach einer kurzen Einführung in Ablauf und Ziele der Retrospektive ging es los mit dem „Boden Bereiten“. Hier geht es darum, Anzukommen, sich auf die Retrospektive einzulassen und Erwartungen zu klären. Ich nutzte dazu die Methode ESVP aus dem sehr empfohlenen retromat, mit dem sich leicht Methoden für die verschiedenen Phasen zusammenstellen lassen. Der Link enthält meinen komplett geplanten Ablauf der Retrospektive. Eine deutsche Version mit etwas weniger Methodenauswahl (39, engl. 129) gibt es hier.

Zunächst habe ich die vier Rollen/ Einstellungen vorgestellt, anschließend haben die SchülerInnen sich anonym mit einem Klebepunkt in dem Feld positioniert, dass am besten zu ihrer Einstellung gegenüber der Retrospektive passt. Sie haben dies beim Verlassen des Klassenraumes auf dem Weg zur Aula getan und haben das Plakat dann mitgebracht. Hier das Ergebnis der Abfrage:

Agile_Te1_039.jpg

ESVP-Ergebnis (engl. Explorer, Shopper, Vacationer, Prisoner)

  • Entdecker sind dabei Leute, die total gespannt sind, was sie in der Retrospektive neues Entdecken und für sich mitnehmen können.
  • Einkaufsbummler sind Leute, die sich einfach mal drauf einlassen und schauen, ob ihnen was passendes über den Weg läuft.
  • Urlauber sind Leute, die zwar keine großen Erwartungen an die Retrospektive haben, aber die Einstellung vertreten: Immer noch besser das, als normaler Unterricht…
  • Gefangene sind Leute, die keine Lust darauf haben/ keinen Sinn darin sehen, aber halt nicht anders können und deshalb dabei sind.

Im Bild sieht man, dass sich 5 aufgeschlossen und interessiert zeigten, 7 bereits die Urlauber-Haltung eingenommen hatten und sich drei als Gefangene fühlten. Einer der Gründe dafür mag sein, dass es sich in dieser um die letzte Stunde handelte, die ich überhaupt in dieser Klasse unterrichtet habe. Ich habe also das Ergebnis angehängt und – wie es sich für einen Scrum-Master gehört – die Interpretation der Gruppe überlassen. Da das Bild relativ klar war, war dies ein kurzer Austausch und ich habe anschließend kurz dazu ermutigt, sich auch als Urlauber oder Gefangener auf die weiteren Übungen einzulassen.

retrospektive1.png

Retrospektive an Teamtischen in der Aula

Daten sammeln

Als nächstes begaben sich die Teams an ihre Teamtische und ich führte in die nächste Methode „Projektlandkarte“ ein. Die Aufgabe war es, eine Insel zu skizzieren, die symbolisch das abgeschlossene Projekt visualisiert. Als Vorlage bekam jedes Team eine Insel, die ich in Anlehnung an Sandra Dirks´ Flipchart Friday zu diesem Thema gestaltet habe:

Lernschatzkarte_Beispiel_kl.png

Vorlage einer Insel, auf der verschiedene Wege eingezeichnet werden können.

Die Aufgabe war nun, auf ein A3-Blatt zu visualisieren, wo im Lernprozess sie evtl. am

Agile_Te1_045.jpg

Praxisbeispiel eigene Team-Lernlandkarte

Strand entlang spaziert sind, weil es einfach rund lief, wo sie evtl. Herausforderungen (Bergen) begegnet sind, ob sie einen geraden Weg gefunden haben oder einige Umwege gemacht haben…

Heraus kamen ganz unterschiedliche Inseln, auf denen verschiedene Wege und Ereignisse eingetragen waren. Während der Erarbeitung viel mir auf, das die SchülerInnen den Transfer zwischen Projekt und Visualisierung sehr schnell hinbekommen haben und sich auf diese Weise noch einmal intensiv und fachlich über ihre Arbeit in den vergangenen Wochen austauschen konnten.

Inselrundgang.png

Unser Inselrundgang

Im Anschluss an die Erstellungsphase haben wir einen Rundgang durch die entstandene „Insel-Landschaft“ gemacht und jedes Team konnte ihre Insel kurz vorstellen. In dieser Phase viel mir auf, dass nun bei einigen Teams leider klassische soziale Phänomene einer Schulklasse auftraten: Einige Schüler versuchten bei der Vorstellung möglichst cool zu sein, andere kommentierten die Ergebnisse eher besserwisserisch als neugierig. Zwar konnten solche „Störungen“ meist durch Blickkontakt oder kurze Hinweise von mir reduziert werden, schade fand ich trotzdem, dass die Spannung und Intensität der Arbeit direkt davor bei der Erstellung nicht aufrecht erhalten und die Ergebnisse so z.T. nicht entsprechend wertgeschätzt werden konnten. In einer nächsten Retrospektive würde ich evtl. auf den Rundgang verzichten. Zwar kann können die Teams hier auch gegenseitig vom Umgang mit Herausforderungen lernen. Der größte (Lern- und Reflexions-) Effekt passiert nach meiner Beobachtung jedoch während der Erarbeitungsphase, auf die sich die SchülerInnen hier gut einlassen konnten.

So ist es in der Praxis…

Eigentlich hatte ich noch folgende Phasen vorbereitet:

Das perfekte Projekt/ Sprint (engl. „Perfection Game“ – Phase Einsichten gewinnen) – Hier sollten

Vorlage_PerfekterSprint.jpg

Vorlage: Der perfekte Sprint

die SchülerInnen vorne ihren Namen eintragen, ihr Projekt dann mit einer „Note“ zwischen 1 und 10 (super) bewerten und in der letzten Spalte angeben, was sie beim nächsten mal anders machen würden, um noch besser im Team zusammen zu arbeiten und ein noch besseres (Lern-) Ergebnis zu erzielen.

Start -Stop – Continue (Phase Neue Experimente definieren) – Hier war geplant, ein Plakat in drei Teile (Y) zu teilen und in den Bereichen „Weitermachen“ – „Anfangen“ – „Aufhören“ Ideen auf je eine Haftnotiz zu schreiben und diese dann den entsprechenden Feldern zuzuordnen.

Danke-Karten an 2 Teammitglieder (Phase Abschluss) – Für diese Phase hatte ich kleine Karten mit Geschenksymbol vorbereitet. Jeder sollte überlegen, wofür er einem anderen Teammitglied Danke sagen könnte, dies kurz notieren und dann zwei Dankekarten in seinem Team verteilen.

Die drei zuletzt genannten Übungen konnte ich aus Zeitgründen nicht mehr durchführen. Geplant war die Retrospektive für 90 Minuten, allerdings wurden zu Beginn noch etwa 30 Minuten für eine inhaltliche Kurzpräsentation der Ergebnisse mit Rückfragen gebraucht und auch der Raumwechsel/ Auf- und Abbau in der Aula brauchte ein paar Minuten, sodass netto etwa 50 Minuten für die oben beschriebenen Schritte (vom ESVP erklären bis zum Inselrundgang) benötigt wurden.

Fazit

Retrospektiven sind sehr nützlich und machen Spaß! Sich bewusst Zeit zum Zurückblicken (und eigentlich aus Ausblicken) zu nehmen lohnt sich. Die SchülerInnen konnten sich auf die Methoden gut einlassen, solange sie in kleineren Gruppen gearbeitet haben. Plenumsphasen ernsthaft und nützlich durchzuführen erfordert eine hohe Sozialkompetenz und Wertschätzung von einer Klassengemeinschaft. Die hier beschriebene Klasse arbeitete ein Schulhalbjahr zusammen. Ich unterrichtete sie einmal pro Woche vierstündig, das beschriebene Projekt erstreckte sich über drei Termine á 4 Unterrichtsstunden.

Ich bin gespannt auf Ihre Fragen, Kommentare und Anregungen zum Thema Retrospektiven (nicht nur) in der Schule 😉

 

 

 

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